Filmische Loops
Daniel Urria präsentiert in seinen Videos Getting it (over with) und Maiden Voyage Loops – sich wiederholende filmische Einstellungen oder ganze Schnittfolgen von Einstellungen, in denen prinzipiell weder Anfang noch Ende auszumachen sind und die endlos projiziert werden könnten. Das begrenzte Repertoire von Bewegungsabläufen und Ereignissen verändert seinen Ausdruck im wiederholten Ablauf. Die Zeit der Betrachtung formt im Laufe der Wiederholungen eine erste Interpretation der Ereignisse um. Bedeutungen beginnen zu changieren. Aus Bedrohung wird Neugier und dann Langeweile, aus Langeweile ergibt sich Bedrohung und Neugier. Meditation ist angesagt.
Potentiell auf Unendlichkeit angelegte, sich wiederholende Bewegungsillusionen hat es in der Vorgeschichte des Kinos schon immer gegeben, von der Flipmünze am Faden bis zum Bioskop, einem Projektionsapparat, mit dem kurze Filmschleifen endlos zur Ansicht gebracht werden konnten. Der Loop an sich ist aber immer auch die Keimzelle für eine lineare Erzählung, die seinen Rahmen sprengt. In Tropische Fische inszeniert Daniel Urria diese Ausweitung fast unmerklich. Er erzeugt die Illusion eines Loops, eine filmische Abfolge scheinbarer Wiederholungen, die aus Varianten des Gesehenen bestehen. Eine Geschichte wird in zwölf Einstellungen erzählt. Ein Paar besucht das Aquarium eines Zoos. Der Mann liebt das Meer, und die Frau mag es überhaupt nicht. Die beiden verlieren sich in der verzweigten Anlage aus den Augen und kommen dann wieder zusammen. Zehnmal wiederholt sich dieses Geschehen mit verschiedenen Takes der immer gleichen Einstellungen, und ebenso oft gelangt der Zuschauer zu einer neuen Einsicht in die vorgeführten Verhältnisse.
Heinz Emigholz
Daniel Urria untersucht die innere Logik räumlicher Situationen, deren kurze Momente er in hermetischen Kreisläufen in eine angespannte Leere laufen lässt. Der Loop wird zum wesentlichen Gestaltungsprinzip geschlossener Ambiente, in denen die Endlosschleife der Aktionen eine emotionale wie surreale Spannung erzeugt.
In „Zwischenraum“ blickt man gleichzeitig in zwei labyrinthische Kellergänge, die durch das Hin- und Herlaufen eines Hundes miteinander verbunden werden. Dazwischen die unermüdliche Fahrt eines Paternosters, Symbol des perpetuum mobile schlechthin. Es ist kein Ende, kein Ziel in Sicht. Der Betrachter wird augenblicklich in den Bann dieses Kreislaufes gezogen und mit der Ausweglosigkeit, dem Gefühl des Gefangenseins in dieser Situation konfrontiert. Der Hund, der die Logik menschlicher Architektur nicht erkennt, wird zum Symbol einer aussichtslosen Verhaftung in den Umständen.
In seiner jüngsten Arbeit „Aunque tuviera, no les daría. (Auch wenn ich hätte, würde ich euch nicht geben.)“ wird dieses Prinzip des Ausgeliefertseins auf die Spitze getrieben. In einem vollkommen abgedunkelten Raum sieht man zunächst nur schwarzes Dunkel und kann sich nur anhand des Tons orientieren, bis im Rechteck eines Monitorbildes ein winziger Lichtpunkt, die Helligkeit des Himmels, die durch eine Dachluke fällt, sichtbar wird. Doch im Moment des Erkennens wird es schon wieder Dunkel. Dieser Bildkreislauf wiederholt sich endlos. Das Fenster, eine Metapher für den Blick und die sehende Erkenntnis von Außenwelt, wird im entscheidenden Augenblick durch einen Vorhang verdeckt. Der Fernseher, eine weitere Metapher für den zeitgleichen Blick in eine andere Realität fällt wieder ins Dunkel. Blick und Erkenntnis fallen also nur kurz zusammen bevor sie dem Betrachter wieder entzogen werden. So wird dieser beständig auf seine eigene Realität, das Tappen im Dunkeln, zurückgeworfen. Er wird aber über die endlose Wiederholung der Bilder immer wieder dem Reiz und der Hoffnung ausgesetzt, beim nächsten Mal mehr zu sehen. Doch dieser Wunsch bleibt ihm kontinuierlich verwehrt.
Katja Albers
Die Szene zeigt einen geschlossenen Raum, in welchem eine Frau nackt auf einer Erhöhung liegt und auf wuselnde Hunde herunterschaut, die lechzend sie zu erreichen versuchen. Ist die Frau ein mögliches Opfer fremder Begierde oder hat sie selbst die Hunde geweckt? Blickt sie auf die animalische Kraft ihres eigenen Begehrens? Eine kurze Sequenz, die in permanenter Wiederholung eine Spannung erzeugt, welche kein Ventil findet. Erliegt sie diesem Lustdruck, bezwingt sie ihn oder zeigt sie sich gar als seine Schöpferin?
Daniel Urria / Daniela Grimm